A Contemporary Response to Charles Ives

 

Klavierrecital Heather O’Donnell

 

Am 19. Mai 2004 jährt sich der Todestag des amerikanischen Komponisten Charles Ives zum fünfzigsten Mal. Die Resonanzen seines musikalischen Lebenswerkes sind auch heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts, in der zeitgenössischen Musik noch vernehmbar. Viele Komponisten der unterschiedlichsten ästhetischen Orientierungen berufen sich auf Ives’ Werke als einer wichtigen Einflußkraft in ihrem eigenen Schaffen.

 

Um diesem Verhältnis einmal konkret und konzentriert nachzuspüren, hat die amerikanische Pianistin Heather O'Donnell sieben Komponisten damit beauftragt anläßlich des fünfzigsten Todesjahres von Charles Ives ein neues Klavierstück zu komponieren. Dabei fiel O’Donnells Wahl auf Komponisten aus drei verschiedenen Generationen, die wie Ives selbst, weitgehend keiner eindeutigen “Schule” oder “Richtung” zuzuordnen sind, die - wie Ives - beharrlich ihren eigenen Weg verfolgen.  

 

Da es für die Aufträge keinerlei Auflagen gab, ausser einer in jeder Hinsicht frei zu gestaltenden Bezugnahme zu Charles Ives, ist das Ergebnis dieses Projektes erwartungsgemäß voller Vielfalt und Überraschungen. Die Arbeiten der Komponisten verweisen jeweils auf verschiedene, zum Teil sehr persönlich geprägte, zum Teil allgemeiner aufgefasste zeitgenössische Manifestationen von Ives’ Musik und Persönlichkeit: kompromißlose Individualität, Fortschrittsglaube, Idealismus, improvisatorische Ansätze, eine gute Prise Humor, Integration von Elementen aus der Gebrauchs- oder Popular-Musik, politisches Engagement, das Verhältnis zu einer nur in der Erinnerung existierenden Vergangenheit - jeder Komponist wählte eigene Bezugspunkte: Rückblick und Erinnerung bei Walter Zimmermann und George Flynn, Aspekte des Ives’schen Weltbildes bei Corbett, politische Inhalte und improvisatorische Spontaneität bei Rzewski, die Auseinandersetzung mit Ives’ musikalischer Syntax bei Michael Finnissy und James Tenney, oder Ives’ frühe experimentelle Ansätze mit Vierteltonkomposition im Falle Oliver Martin Schnellers. 

 

Wie in Ives Musik selbst prallen in diesem Programm immer wieder Gegensätze aufeinander, die jedoch durch die Gemeinsamkeit der Bezugnahme auf Ives in vielfältiger Weise miteinander verknüpft werden können, um einmal mehr die Multiplizität als wesentliches Charakteristikum der Ives’schen Musik zum Ausdruck bringen.

 

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Michael Finnissy: Song Of Myself (2003)

UA

 

Eine rhapsodische Fortspinnung, wie sie sowohl die ersten zwei Sätze der “Concord Sonata” (“Emerson” und ”Hawthorne”) wie auch den Sprachduktus des monumentalen “Song Of Myself” des amerikanischen Dichters Walt Whitman charakterisiert, steht in Finnissys Komposition im Vordergrund. Damit verweist Finnissy auf eine häufig angeführte Parallele in Werk und Ausdruck dieser beiden amerikanischen Künstler. Die Form des Stückes ergibt sich als Konsequenz einer turbulenten Eröffnungsgeste: alles entwickelt sich in rhythmisch und dynamisch sich progressiv in sich selbst zurückziehenden Linien. Nur die ausladende und verschlungene Harmonik ist in dem linearen Formprozeß durchgängig präsent. Gegen Ende zerfällt der Satz in kurze Fragmente, die in regelmäßigen Abständen in Stille ab- und wieder aus ihr hervortauchen. Es finden sich in Finnissys musikalischer Syntax Entsprechungen zu Whitmans Schreibweise. Hyperbaton (Umordnung der Reihenfolge von Figuren) und Anaphora (Wiederholung einer Figur am Anfang jedes neuen Satzes). Finnissy zitiert auf diese Weise den Ausdruck und die Syntax Whitmans in die musikalische Faktur seines Ives gewidmeten Stückes hinein. Der Titel verweist dabei auf die charakteristische Auffassung Finnissys zum eigenen kreativen Selbst durch eine kompositorische Auseinandersetzung und Kommentierung der Musik ihm nahestehender Komponisten zu gelangen (vgl. auch “Verdi Transcriptions”, “Gershwin-Arrangements”, “Erik Satie”).

 

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James Tenney: Essay (after a sonata) (2004)

UA/Auftragswerk des Canada Arts Council

 

(Zu diesem Zeitpunkt liegt weder die Partitur noch ein Text vor.)

 

“In meinem Stück vollzieht sich eine Art “Dekonstruktion/Rekonstruktion” von Materialien einer einzigen Seite (der achten) des “Emerson”-Satzes aus der “Concord Sonata”. Das Stück kann auf der Tastatur, aber (besser noch) pizzicato und battuto im Inneren des Klaviers gespielt werden.”

- James Tenney in einem Brief an Heather O’Donnell

 

 

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Sidney Corbett: The Celestial Potato Fields (in memoriam Charles Ives) (2003)

UA/Auftragswerk der Maerzmusik

 

Über sein Stück schreibt Sidney Corbett:

 

 ... in jeder menschlichen Seele gibt es einen Funken himmlischer Schönheit. - Charles Ives

 

"Ives Hinwendung zum Tranzendentalen bei einer gleichzeitigen festen Verwurzelung im Rhythmus des alltäglichen Lebens prägen den Ausdruck meiner Komposition. Das Anpflanzen und Ernten von Kartoffeln beispielsweise ist ein Bild aus Ives’ 'Essay', eine Metapher für den erdverbundenen Reichtum alltäglicher Menschlichkeit. Wie in allen meinen Stücken bestimmen proportionale Verhältnisse die harmonischen und zeitlichen Abläufe. Ein aufmerksamer Hörer mag Bruchstücke von Figuren und Linien aus Ives' Anthologie "114 Songs" erkennen, die ich in die musikalische Textur hineingewoben habe. Diese private subkutane Kabbala ist jedoch darüberhinaus von geringerer Bedeutung. Vielmehr ist "The Celestial Potato Fields" meine Erwiderung auf eine musikalische Persönlichkeit, die nachhaltigen Einfluß auf meine Arbeit und mein Denken ausgeübt hat. Was Ives und mich verbindet (neben unserer Liebe zum Baseball, den ich übrigens, wie Ives, viel gespielt habe, obwohl Ives viel besser war als ich!) ist die Überzeugung, daß Musik, insbesondere die komponierte Musik, zu einem wesentlichen Teil eine spirituelle Bestrebung ist. Mit diesem gemeinsamen Aspekt in Ives' und meinem schöpferischen Denken habe ich mich in diesem Stück besonders auseinandergesetzt."

 

 

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Oliver Martin Schneller: "And Tomorrow…” für Klavier und live-Elektronik (2003-04)

UA

 
And tomorrow, tomorrow

the light as a thought forgotten comes again, again,

and with it ever the hope of the New Day.                                               - Charles Ives, “Sunrise”

                                                                       

Ives’ umfassende musikalische Erfindungskraft schließt auch Versuche in jenem Bereich ein, der oft in der allgemeinen westlichen Musikhistoriographie lediglich als Randbereich auftaucht: die frühen Kompositionsversuche mit Mikrotönen. Etwa zur gleichen Enstehungszeit der ersten mikrotonalen Werke von Julián Carrillo, Alois Hába and Ivan Vischnegradsky, komponiert Ives in den frühen zwanziger Jahre seine “Three Quarter-Tone Pieces for Two Pianos” und veröffentlicht 1925 eine theoretischen Beitrag unter dem Titel “Some Quarter-tone Impressions”. “And Tomorrow…” greift einige der theoretischen Gedanken aus Ives’ Aufsatz auf, entwickelt sie weiter und führt sie in Schnellers eigene mikrotonale Klangsprache ein. Die “Three Quarter-tone Pieces” waren ursprünglich für ein Vierteltonklavier mit zwei Tastaturen konzipiert. In “And Tomorrow…” übernimmt die Elektronik den Vierteltönigen Tonvorrat der Komposition. In seinen “Essays before a Sonata” schreibt Ives: In einem zukünftigen Jahrhundert, wenn schon die Schulkinder populäre Weisen in Vierteltönen pfeifen, dann werden vielleicht auch diese Grenzbereiche den Ausdruck prägen und mit Leichtigkeit verstanden werden.     

 

 

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George Flynn: Remembering (2003)

UA/Auftragswerk von Kenneth Derus und Dr. Donald Casey (Chicago)

 

Die Mehrzahl der Kompositionen George Flynns gehen kritisch auf politische und soziale Themen seines Heimatlandes ein. “Remembering” dagegen ist ein sehr persönliches Werk, ein Stück musikalische Erinnerung an ein bestimmtes Werk von Ives: Als Teenager kam mir eine Aufnahme von Ives’ “Concord Sonata” in der Interpretation von John Kirkpatrick in die Hände. Diese Entdeckung hat mein Leben verändert, schreibt Flynn. Mein Stück Remembering ist eine Reflektion über Ives. Kurze Zitate aus der Concord Sonata erscheinen offen oder im Hintergrund versteckt. Einige dieser Zitate sind deutlich erkennbar, andere erscheinen verzerrt, auf ähnliche Weise, wie es sich im Erinnerungsvermögen niederschlägt, aber auch wie Ives selbst die Vergangenheit “verwendete”.  Die fünf formalen Abschnitte von “Remembering” werden jeweils von einer wiederkehrenden zum Quartenakkord gespreizten Verwandlung des Eröffnungsarpeggios aus dem vierten Satz (“Thoreau”) der “Concord Sonata” eingeleitet. Der Satz ist durchgängig dicht und expressiv gestaltet und läßt des öfteren den Ives’schen Klaviergestus durchscheinen.    

 

 

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Walter Zimmermann:  Groll und Dank - für Klavier und Spielzeugklavier (2003)

UA

 

Zu seinem Stück schreibt Walter Zimmermann:

“ ’Ich grolle nicht’: Charles Ives vertonte ebenso wie Robert Schumann dieses Gedicht von Heinrich Heine. So entstanden zwei unterschiedlichste Interpretationen eines Gedankens. Die Direktheit mit der Ives auf das zum Emblem gewordene Lied Schumanns reagierte ist verblüffend. Es hört sich so an, als würde er es nicht gekannt haben. Uns tönt hier Ives Unabhängigkeitssinn entgegen, diesem Schlüsselwerk des deutschen Lieds eine unbekümmerte Alternative zur Seite zu stellen.

Die natürliche Reaktion, wenn ich geschädigt werde ist Groll und wenn mir etwas Gutes getan wird, Dank. So eingeführt, sind Groll und Dank gewissermaßen vormoralische Affekte; daß von einer 'natürlichen Reaktion' gesprochen wird, heißt, daß der Zusammenhang analog gesehen wird. Der Affekt des Danks und die Tendenz zur positiven Vergeltung, der Affekt des Grolls und die Tendenz zur negativen Vergeltung sind also analytisch verbunden. Ernst Tugendhat Vorlesungen über Ethik, S.298 f.

Wie die Erinnerung an die Kindheit von diesen ineinander verschränkten Affekt Haltungen Groll und Dank verstellt sein kann, so werden in dieser Komposition auf zwei harmonisch ineinander verschränkten Instrumenten dem Spielzeugklavier und dem Klavier erinnerte Melodien meiner Kindheitslandschaft interpretiert.”

 

 

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Frederic Rzewski: Johnny Has Gone For A Soldier (2003-04)

UA/Auftragswerk der Maerzmusik

 

Rzewskis Komposition ist kein Variationszyklus im strengen Sinne, sondern eher eine Reihe unterschiedlicher Ansichten oder Ausdeutungen eines Volkslieds aus dem amerikanischen Revolutionskrieg, das sich seinerseits von dem irischen “Schule Aroon” ableitet:

 

“Sad I sit on Butternut Hill,

Who could blame me, cry my fill?

And ev'ry tear would turn a mill -

Johnny has gone for a soldier.”

 

Dazu schreibt Rzewski: Ich erlaubte mir einfach meinen Gedanken zum Krieg, besonders dem gerade stattfindenden, freien Lauf zu lassen, sie aber gleichzeitig an der Struktur des Liedes zu orientieren. Das Ende des Stückes bleibt offen, ebenso wie es bei dem gegenwärtigen Krieg der Fall ist. Wie in vielen anderen von Rzweskis Kompositionen (z.B. Coming Together, Attica, The Price of Oil) gibt es einen konkreten und betonten Bezug zur Politik. In der Partitur von “Johnny Has Gone For A Soldier” gibt es mehrere Haltepunkte, an denen die Interpretin dazu aufgefordert wird kurze improvisatorische Einschübe zu leisten - eine Bezugnahme einerseits auf Rzewskis Doppeltätigkeit als - häufig improvisierender -  Interpret seiner eigenen Werke, andererseits auf Ives eigene Tendenz, seine Arbeiten immer wieder zu überarbeiten, umzuschreiben, oder - wie im Falle der “Concord Sonata” - absichtlich offen zu lassen. Ives: Ich werde immer das Vergnügen haben, sie nicht fertig zu haben und hoffe auch, daß sie es niemals sein wird.   

 

 

 

- Text und Übersetzungen: Oliver Martin Schneller